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Neidkopf    Roman   Erfundenes und >Chronik<
Stadt- und Universitäts-Roman: Drei Arten von Städten und Universitäten - drei verschiedene äußere Rahmen: Landgrafenstadt Marburg - Industrie-Stadt und Gesamthochschule  in Gründungs-Phase - Metropole Frankfurt - Gast-Städte und Universitäten Jerewan in Armenien. Leipzig. Graz.  .... ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Einige der verdichteten Erzählungen in Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien etc. Krimipreis. Da geht es um kunsthistorische Praxis der Marburger, auch des Kugelhannes, im Denkmalschutz der Umgebung. Ebenso wie >Marburger Häuser erzählen< bei HR-Fernsehfilmen entstanden . >Marburger Lenchen< Neue Zürcher Zeitung, Anthologie  Naturwissenschaftlerinnen. Frankfurt Gräfstraße Lorenzer Adorno Fabrikkommune mit Angela Davis . Einige als Online Texte siehe >Verbindungen<


Kapitel 3  "Die Stadt, wo jedes Brötchen promoviert ist"      


Aus Versehen habe ich beim Renovieren die Eckwand mit dem Hackenstiel angedotzt. Als ich mir den Schaden besah, glotzte mich ein Auge an. Ein Gesicht. Ich konnte die losen Brocken abheben, und es kam das andere Auge zum Vorschein, ein Loch statt Nase, noch zwei tiefere Löcher, um die Hand rein zu legen, da musste ich die Hacke brauchen und scharren. Es zeigte sich ein weinend verzogenes Maul. Und es fielen die Bröckchen nicht nur dumpf, sondern auch klingelnd und klirrend auf den Boden. Konzentriert auf die Steinfratze, wie ich sie vom Restaurieren an romanischen und goti-schen Kirchen und Schlossmauern kenne, habe ich darauf erst kaum ge-achtet. Ich rufe Elisabeth, die guckt, ob sie den Absatz vom Stöckelschuh verloren habe, als es unter ihrem Fuß klirrt. Was ist denn das? Sie hebt die Hand auf, voller Lehmbrocken und verkrusteten Eisenstücken. Münzen. Und vergammeltes Papier. Heft in Handschrift, Sütterlin. Und eine Chronik. Wir haben alles freigelegt. Das war eine Dreckarbeit, und das ist eine lange Geschichte. Ein halbes Jahrhundert lang und ein eigenes Kapitel für sich. Mit der Alten Universität verquickt.  Er deutet auf den Eckschrank aus Ei-chenholz, hinter Glas einige Hefte und Blätter. "Hole es heraus! " -
"Das Heft gehört in unser Haus-Archiv, weil das Kugelhaus darin vor-kommt." – "Wenn auch nur wegen der Holzwürmer."  Die Kugelhäusler deu-ten darauf. Das Sütterlinheft, schwärzlich wie eine alte Haushaltsbuch-Kladde, deckt Jakob mit beiden Händen ab. "Das ist kostbar. Zerbrechlich. Persönlich." Die Chronik holt er hervor und legt sie sacht in Martins Kenner-hände, fingerkuppensanft, faserfein von Fingern zu Fingern. Antiquar Martin hatte gestern die Geschichte vom ersten Buch-Raub seiner Schülerzeit ge-beichtet.  Das ist es, das da im Schrank und überhaupt viele Zeitschriften der wissenschaftlichen Nachlässe sähen so aus, die er für die Universitäts-Bibliothek zu bearbeiten hat. Unter vielen rosenholzfarben vergilbten Broschüren hatte Antiquar Martin diese "Rectoren-Ansprache" gefunden und dem Hausherrn zum Einzug ge-schenkt. "Marburger Universität unter preussischer Herrschaft. Mit einer lithographierten Tafel. Elwert'  sche Verlagsbuchhandlung 1891."  
Über dem Heftchen mit der Rede des Rectors Heinrich Weber am 26. Juni 1891 zur Einweihung der Aula sitzen sie nun um den runden Tisch und streiten sich: Aufschneiden der vergilbten modrig riechenden Seiten oder nicht? Elisabeth hat ein stumpfes Küchenmesser genommen und in ihrer Ungeduld zwei Seiten zerrissen. Martin nimmt die flachste Messerklinge, fährt damit fachgerecht zwischen die Seiten und durchtrennt sie glatt im Knick. Zweiundzwanzig Seiten auf zwei Bögen, am Ende wird dem Kaiser gejubelt. Eine Lithographie verzeichnet steiles Ansteigen der Studentenzah-len vom Sommersemester 1866 bis 1891, nämlich von 257 auf 950 Studen-ten. " Frequenz der Universität Marburg und ihrer vier Facultäten. Es sind zu der Zeit die theologische, philosophische, juristische und medicinische. Viele Kliniken sind im Aufbau.<  Der Rector preist ihre Blüthe, von einer kleinen zu einer mittleren Universität sei sie gediehen.
"Einen naturgemäßen Rückschlag erfuhr die Frequenz im Kriegsjahr 1870/71. Auch von unseren Commilitonen waren viele mit hinausgezogen, um dem Vaterland mit der Waffe zu dienen.< Das nenne er "naturgemäß", höhnen manche, weil "natürlich" keine Frauen studieren, müsse  er sie nicht einmal erwähnen. Angebrachter ist der Gebrauch des Begriffs "Natur", wenn Rector Weber weiterredet, die Sommersemester seien "wie an ande-ren landschaftlich schöngelegenen Städten besser inscribiert". Auf Seite 13 freut sich der Rector: " In erfreulicher Weise hat die Zahl der Privatdocenten sich vermehrt, die von 10 auf 25 gewachsen ist. Die Privatdocenten sind es ja, auf denen die Zukunft der Wissenschaft ruht."  -  " Damit bist du gemeint, Elisabeth, und du, Rudolf. Das ist nach hundert Jahren leider wiederge-kommen, Privatdozenten als die eigentlich '  Creativen'  .<  --  " ha, ha. Viel Ehr - kaum Salär!<
Nach und nach hat sich das '  Kugelhaus-Küchenforum'  angefüllt, es duftet nach Kaffee, der Eine kommt , die Andere geht, mit frischen Brötchen und Stückchen vom Barfüßer-Bäcker. Frühstücksgespräche sind immer die bes-ten. Da zur Zeit außer Jakob und Elisabeth und den üblichen Studenten ein Postbeamter, ein Handwerksmeister mit Freundin und Kindern,  die zwei jungen Antiquare Jochen und Martin und ein Fachreferent der Universitäts-bibliothek im Kugelhaus wohnen, fließen viele Informationen aus alten Bü-chern und Schriften ein; die Berufstätigen sorgen für Stetigkeit in all dem Kommen und Gehen der vielen Studierenden verschiedener Fakultäten. Vor allem Jakob, der Hausherr, Zimmermann und Restaurator. "Biblische Ver-hältnisse" nennen das die anderen lachend. Ein ideales Haus zum Ge-schichten-Erzählen. Umso besser, dass gerade der mit zweiunddreißig Se-mestern '  ewig'   studierende Sohn einer Alt-Marburger Handwerkerfamilie neugierig hereinschaut. Schnell entspinnt sich ein vergleichendes Ge-spräch, Damals und Heute.


Zwischen den alteingesessenen Handwerkern und Händlern und '  ihren Studenten'   gab es seit Gründung der großen alten deutschen Universitä-ten eigene Beziehungen. Als sie noch die kleinen und neuen Hochschulen waren, hielt sich das Verhältnis der Einwohner und der Akademiker allein von den Proportionen im Lot: viele der wohlhabenden Kaufleute und Händ-ler beherbergten hier und da einen der Studiosi. Damals waren die anderen Berufe in der Überzahl, hier und da hat ein Student bei einem Gerber oder Töpfer oder einer Beamtenwitwe gewohnt. Früher waren eben im Verhältnis zur Einwohnerzahl viel weniger Studenten. Nicht solch ein erdrückender Überhang wie heut. Und es ist wie mit den Touristen im Ausland; sie wollen sie, um davon zu leben, weil sie sonst keine Industrie haben, dann hassen sie sie dafür.  Auch weil niemand gern abhängig ist.


Mögen die Wissenschaftler der Universität vor und nach ihrem Ableben in der Fremde berühmt sein, hier in Marburgs Oberstadt ticken die Uhren an-ders, hier gelten die richtigen Marburger, die Alteingesessenen, untereinan-der. Geh doch in die Oberstadt, hatte der Marburger Jurist Franz Josef De-genhardt, der auch aus Westfalen, aus dem Münsterland, noch nördlicher als Bielefeld, zum Studieren hergekommen war, als Liedermacher gesun-gen.  Im Schwarzen Walfisch stritten die Studenten, ob seine Texte oder die eines gewissen Wolf Biermann besser seien. Die meisten meinten damit politisch. Nur Einer erklärte ein Lied als Gedicht, richtig aus der Gegend der Droste-Hülshoff eben, "August der Schäfer hat Wölfe gesehen, Wölfe mitten im Mai". Elisa saß dabei und schwieg. Dieser Eine wurde ihr erster sehr junger Geliebter. Solche Geschichten aus gar nicht so alten Marburger Zei-ten gruben Szenen aus, die verstörten. Gar nicht so harmlos, und gerade deshalb, in eigenartig schlitzohriger Ironie, hätten die Westfalen darüber gesagt: Döhnkes Erzählen.



Geschnitzte Marie


Immer wieder bin ich bei mir, wenn ich durch die Wiesen gehe. Ins Dorf gehöre ich nicht richtig hin, nicht Fisch bin ich und nicht Fleisch, nicht Mann noch Mädel, und die Leute dürfen es nicht wissen. Außen hui, innen pfui die ganze Familie, Außenseiter im Dorf, was Wunder, dass Großvater und Vater den andern ihren Ruß und Dreck weggemacht haben. Auch außen pfui mittlerweile, nach all den Jahren: Der Kratzputz fällt ab, alles verrottet und verkommt, der Bruder ist ebenso wenig Bauer wie ich kernige Handwerkerfrau. Wie gut, dass ich nicht in der Schwalm leb, mit dene ihrrre wippende Kurrrzröck. Wenn jemand sich aufregt, verfällt er in den Dialekt seiner Kindheit und meiner ist der vom Ebsdorfer Grrrund mit dem grrrollend rrrollenden R. "Wippsterrrrt, Bachstelzsche iss unsrrrr Elsche". Heute täten sie die 'Miniröcke'  'errrrrrotisch' nennen. Pfui Deibel. Schon als Mädel hab ich die Schlotterdinger gehasst, lieber Kerlshosen als Röcke angezogen. Knochig und kräftig, gern angepackt in Haus und Hof, sei es Feldarbeit, sei es Pferde-Einspannen, und weil alle ihren Spaß hatten und zwei tüchtige Hände immer gebraucht, haben sie mich, halb Spiel  - halb Ernst, zum Schornsteinfegen auf die Dächer mitsteigen lassen. Dünn und jung, bin ich in jeden Kamin reingegangen, und praktisch war es, dass ich Bruder Erichs Buxen aufgetragen hab, hochgekrempelt, Schnur um den dünnen Bauch, klein ist mein Hintern wie seiner gewesen und die Brüste noch mit achtzehn kaum größer. Diese Dinger vorn hab ich gehasst und wie Fremdkörper getastet, selten an mir runtergesehen. Mein Gesicht nannten sie schön, meinetwegen, Wörter tun nicht weh, hab ich erst gedacht, und würde ich immer noch sagen, wenn ich nicht im Laufe der Jahre gemerkt hätt, dass das für viele nur die Einleitung zu Grapschereien gewesen ist. Warum müssen die Leut alles antatschen, was sie 'niedlich' nennen, Kinder und Katzen. Meine Brüder haben das schon als winzige Barfuss -Buben gehasst. Sollen sie doch ein Lebewesen schön finden und einfach bloß angucken. Immer das Tatschen und Grapschen mit ungewaschene Händ. Die katholischen Pfarrer in den Mainzer Dörfern Roßdorf und Mardorf haben's gut mit ihrem Zölibat, die müssen nicht heiraten, die dürfen es nicht. Warum soll ich es müssen. Keine Kinder, keine Betastereien, die Zusammenhänge kennen wir auf dem Land von den Tieren. Wenn die Kathrine ausgeschimpft wird, weil sie es mit den Kerls treibt, und die Suse, weil sie ein uneheliches Kind hat, warum dann ich, die ich dees net brauch und net will. Entscheidet euch mal. Nonne kann ich als Evangelische net werden und die Katholischen drüben im Kloster Amöneburg gefallen mir nicht. "Wohin soll ich mich wenden", haben die im Chor melodisch, aber piepsig so ganz ohne Männerstimmen gesungen. Und das mach ich mir zu eigen:  Wohin soll ich mich wenden. Bin eben nicht Fisch und nicht Fleisch. Der Doktor ist zum Glück von weither aus Böhmen gekommen, nach dem Studium der Medizin in Marburg im Ebsdorfergrund als Dorfdoktor hängen geblieben. Der hat als erster kapiert, dass es Mädels gibt, die nicht den Jungens gefallen wollen und auch nicht den Mädeln, die ihre Ruh von alle dem Liebeszeugs haben wollen. Der Doktor Kaffka ist katholisch gewesen und mit dem Pfarrer befreundet. Sie haben im Garten Karten gespielt, das hat jeder gesehen. Aber wenn der hagere Falckenstein von der Marburger Klinik kam, sind sie zusammen in die Pfarrscheune gegangen und haben die Tür hinter sich zugezogen. Da durfte keiner herein, der Schorsch hat mal gelauert und lauter blubbernde Glasphiolen und Kolben gesehen, das glaub ich. Das mit den toten Tieren und Menschenteilen hab ich nicht geglaubt. Doch nicht bei uns uffem Dorf. Wohl hat der dürre Professor Falckenstein an der Marburger Universität  Experimente gemacht, mit Organen herumgeschnipselt, das glaub ich gern. Ihre Reden im Pfarrgarten und beim Doktor hab ich belauscht.  "Alles hat seinen Anfang, auch Sexual-Forschung, da können sich die Universitäts- Doctores noch soviel sträuben". "Geschlechts-Umwandlung", haben sie gesagt und lauter neue Fremdwörter: "Homosexuell. Androgyn. Hermaphrodit. Narzistisch. Zwittrig". Nichts kapiert hab ich damals. Lateinisch und Griechisch im Gymnasium war anders. Die Lehrer zu fragen, dees schien mir net rischtisch. Nicht richtig. Immer, wenn mich die Wut packt, red ich, wie gesagt, Ebsdorfer Hessisch. Dialekt. Wer nicht. Selbst der Professor Falckenstein  aus Leipzig ist ins Sächseln verfallen, wenn er seine Gieraugen gemacht hat. Meist hat er mich angeglubscht über die halbe Brille wie ein  Studienobjekt, seit ich Doktors Helmut gesagt hab, dass ich das alles net will. Angeglotzt, als hätt ich zwei Köppe. Als Missgeburt habe ich mich schon gesehen im Museum oder unter den Prä-pa-raten  in der Gerichts-Anatomie, bei allen den ausgelaugten Menschenteilen in gläsernen Kasten, Sachen hab ich da gesehen, Händ und Füß und bleiches Hirn wie verwesende Riesen-Walnuss in grünlichem Wasser, aus Gläsern und Flaschen stieren mich die Fischaugen verkrüppelter Säuglinge an. Missgeburt im Museum, Präparat in der Gerichts-Anatomie. Soll ich so  sein, weil ich nicht wie alle anderen sein kann. Einmal haben sie mir ihre Besonderheit gezeigt. Womit alls die Leut net angebbe könne! Will sagen, womit die Leute nicht angeben können. Das Marburger Lenchen. Traurig guckt sie unter ihrem Glatzkopp, die Augen kugelrund offen, Mündchen wie weinend verzogen, im Bauch das ungeborene Kind. So als ob sie immer noch weint, weil die arme Magd in die Lahn hat gehen müssen aus Verzweiflung. Von einem Studenten verführt. Dümpelt für immer und ewig in ihrer schleimigen Brühe.  


Nix als Kummer und Tod bringt diese Liebes-Tatscherei. Mich findet ihr abnorm und ich euch, die ihr das tun müsst und nicht lassen könnt. Das muss ich wohl laut gedacht haben vor Schreck. "Wie helle sie ist und wie witzig, sicherlich keine richtige Frau". Die Experten haben sich verlegen gewunden, ihre gestärkten weißen Kittel haben geraschelt. Diese Klinik ist nur die erste von vielen gewesen, in die sie mich geschleppt haben wie ein Studien-Objekt, ein Insekt zum Sezieren, nur zufällig hat die Tür zum Leichensaal aufgestanden, ich bin hinein, weil es wie ein riesenhaftes Badehaus war, wie das neue Luisabad am Rudolfplatz von oben bis unten mit Kacheln und Fliesen. Unnütz die bunten Blumenranken von Lilien und Jelängerjelieber darauf, was sollen die grünlichen Kadaver noch sehen. Von Abteilung zu Abteilung haben sie mich herumgereicht. Ich gebe zu, dass ich nach der ersten Scheu gern mitgemacht hab, sie hatten meine Neugier geweckt. Meine primären Geschlechtsmerkmale, sagten die Experten in der dritten Klinik, Gynäkologie, seien normal ausgebildet, aber dürftig. Erst hat der glatzköpfige Professor mit dürren kalten Fingern getastet, dann haben die anderen meine Brüstchen beguckt und befingert. "Meine Herren, trauen Sie sich". Der Oberste ist wie der Pfarrer vorneweg, wie die Messdiener hinterher sind die Mediziner eingezogen, daneben mit vielen Zetteln die Oberschwester. Eine einzelne junge Frau im weißen Kittel ohne Nonnenhaube hat nichts gesagt und sich vielleicht ihr Teil gedacht grad wie ich. Verschwörend gelächelt. Später mit mir geredet und mich drauf gebracht, es selbst mit dem Medizinstudium zu versuchen. Es sei ja schon unnormal, als Bauernmädel das Gymnasium zu besuchen und mit Abitur abzuschließen, ihr sei es auch so gegangen. Viel später haben wir uns wiedergetroffen. Die erste Ärztin von ganz Marburg ist sie gewesen. Immer wieder diese Zweifel an der weiblichen Echtheit, als sei "schön aber doof" bei den Mädels normal und gesund. Ich habe mich ausziehen und auf einen hohen Stuhl klettern müssen - wie gut, dass ich durch die Schornsteine und Dächer Übung hatte, dem Vater, dem Schornsteinfegermeister, das Klettern nachäffend - , die Füße links und rechts in zwei Eisenschlingen hängen müssen, und als mich die Haubenlerche festgeschnallt und mich mit den hartgestärkten Flügeln ihrer Vinzentinerinnen-Haube geratzt hat an der nacktigen Haut, habe ich mich herumgeworfen und wollte wieder runter, zu spät, mit Gummihänden haben sie beide Knie gepackt, die langen Beine auseinandergebogen und ein kaltes Löffelrohr dazwischen an mich und in mich geführt. "Hymen unversehrt, virgo intacta" gesagt und mich gedreht und betatscht wie Großmutter die Gänse vor dem Martinstag. "Habitus androgyn", also wie der "halbe Hahn" vom Textorhof, der zwitterig ist. Sowas soll ich sein. Net Fisch, net Vogel! Wundert' s die Leut, dass ich meinen Weg gehe abseits von ihnen. Zum Glück kann ich schaffen für Zwei, auch in Kriegszeiten, da fragt keiner nach, Kerl oder Mädel, Mann oder Weib.Was in meinem ländlichen Mädchenleben vorweg ging, habe ich erzählt. Und ehe es soweit war, gingen die vielbeschrieenen Jahre in das Land.  


"Im Herzen Europas", in dieser mittelalterlichen Stadt mit ihrer historischen Universität ist also mein Doktor Falckenstein unbehelligt gewesen und ist ihm und mir das alles zugestoßen. Geheimes fand Platz, wo es keiner ahnte und darum nicht ahnden konnte. Weder Zeit noch Ort werde ich jemals verraten.  Doch derlei wortwörtlich 'einschneidende Erlebnisse' vollziehen sich stufenweise. Nicht eine, viele Operationen haben mich verändert. Nicht auszudenken, sagt Freundin Renate, was einen Menschen bewegt, das alles auf sich zu nehmen, so viele Schmerzen und Operationen, so viel Angst und Qual. Selbständig war ich und bin ich, "erster  weiblicher Diplomlandwirt und später Professor an der Universität Gießen", bin nach Amerika und Russland zu Tagungen gefahren; denn die Pioniere der Wissenschaft haben schon lange von dem gewusst, was als das Neueste ausgebrüllt wird, die Mediziner von besagten Operationen, die Landwirte von "Ökologie". Kollegen und Freunde aus aller Welt  kommen unsere Forschungsanstalt in Mittelhessen besuchen, die Versuchs-Felder blühen nicht weit vom Ebsdorfergrund."Mann oder Weib, lebendige Seele" - die Gynäkologin Renate zitiert gern die Annette von Droste-Hülshoff. Die Männer liebt Reni sehr und bittet so verschmitzt lächelnd ihrerseits um Toleranz, dass ich etwas von Verliebtheit ahne. Wenn ich auch als Mädchen niemals die vermutlich schönscheußliche Anspannung kannte, unter Strom zu stehen, sobald ein anziehender Mann ins Blickfeld gerät und den Raum anfüllt, so kann ich die Freundin doch begreifen und sowieso Männer mögen, soweit sie nicht machtgierig sind. Was soll diese zusätzliche Plage, Menschen fortwährend abzustempeln als männlich oder weiblich wie Zuchtvieh und Pflanzenarten beim Forschen. Sie sagt mir: "Reizvoll, sich in Sie hineinzufinden, die anders als ich ist. Aber uns beiden sagt sie, sei gemeinsam, als "Intelligenzbestie keine richtige Frau" sein zu sollen. "Ist vor lauter Intellekt das Gefühl verreckt", das sei so wie jede blöde Volksmeinung, warum sollten die an der Uni anders als andere irren? Die meisten Akademiker hätten nichts anderes als diese einseitige Art, relativ leicht Wissen anzusammeln wie ein gesunder Magen das Futter. Pansen, vier mal Kuhmagen, Wiederkäuen und dann Verdauen, das Ergebnis sei statt Kuhfladen ein weiteres wissenschaftliches Oeuvre. Renate spielte, hat sie erzählt, ihre Jugend lang "schön aber doof". Ich mit meiner Kindheit im Ebsdorfergrund als die Schornsteinfeger-Marie, spätere Dozentin der Agrarwirtschaft, habe das nun mal anders gelöst und bin Marius geworden. Lang genug hat das gedauert. Der Bruder hat Haus und Hof und hundert Hektar Land von den Eltern geerbt und die Schornsteinfeger-Meisterei übernommen. Manchmal besuche ich ihn im Ebsdorfergrund und alle sind freundlich. Sie nennen mich "die Geschnitzte Marie" .






FarbenFabel Grün    


Fast zweitausend Meter hoch im Gebirge liegt der höchste Ort Lü. Der Name hieß einmal  Lux, Sonnenlicht bescheint die Hänge über dem Tal, und im langen Winter spiegelt es gleißend auf Eis und Schnee, ein Lichtkranz in Lü um seine siebzig Bewohner. Ein besonders lange sonnenbeschienenes Bergsegment fällt im rauhen Ländereck auf, fruchtbar genug für Baumbewuchs, warm genug für Weinstöcke, der Ackerboden wurde per Kiepen heraufgetragen. Rar ist der Lü-Riesling, weiß Gott kein zuckriger Tropfen; trocken, warum eigentlich, fragt das Kind, Wein ist wie Wasser. Nass. Und quietschsauer. Dort wo die hundertzwanzig Weinreben die untere Schlossmauer raufranken, sich in die Risse im Gestein klammern, wo der Hangdruck den Stein zu Sand zermahlt, fein genug, um die Rebwurzeln als Erdreich zu nähren. Von Zeit zu Zeit rutscht polternd ein ganzer Mauerkeil runter und begräbt drei, vier Weinstöcke. Im Berginnern nisten Kristallstöcke vieltausendfach grün : weinbeerenglasiggrün pistaziengrün grasgrün laubwaldgrün tannwaldgrün, laubfroschgrün arsengiftiggrün schierlingsbecherschleimgrün molkengrüngrau platinweißsilbern jadegrün smaragdeidechsengrün entenscheißgrün - durchsichtige Steinstöcke, matt die eine Seite, glattseidig die andere und die dritte derartig harsch, dass sich die Finger verletzen, in klingenscharfen Graten auslaufend zum HautAnritzen die vierte und alle laufen zusammen in muldentiefer Schüssel, umgeben von seidenbleichen kandiszuckerartigen Spitzen, daneben eine KristallRosette bernsteingelb honiggelbbraun im Schaum der blautannendunklen Rundungen kieseliger Steine und alle verwandt; eine EdelsteinFamilie namens Epidot, die weltweit hier und da und auch im südmitteleuropäischen Alpingebiet vorkommen, rar, das ist wahr, aber hier, das ist klar, gibt es sie. Reichtum und wenn durch den dunklen Gebirgsschlund in den BergBauch ein winziger Strahl fällt durch den Spalt messerbreit, das leuchtet das Edelgestein auf. Erwerben und Sterben Arbeiten und Lieben und Leben und Launen hin und her zwischen schweren Wintern und derart lichten Sommern, dass die Traube üppiger wächst, wie der Epidot klargrün, in dunkler und stiller Bergtiefe, Grube, begraben, aus welchen Tiefen hervorholen. Erleuchtet, wo alles Sonne ist, fällt Licht nicht auf und kräht kein Hahn danach im Frühtau zu Berge und  im Dorf Lü der Hofhahn mit den grünschillernden Schwanzflügeln schlägt und der Erpel den  ebenso grünglänzendem Federkopf sträubt mit blauweißer Banderole um den Federhals. Kenner kommen, Bergsteiger, Schatzsucher, Edelstein-Narren, trinken den kostbaren Wein und dringen ein in den Bergbauch auf der Suche nach seltenen Mineralien. Und vor allem der Epidot hat es ihnen angetan. Wie dem Besucher aus der Stadt mit der Seidenfliege unter dem Kinn. Doktor Servatius steigt in den Bergen herum und sucht, besessen, alles vergessen, sogar seine sehr junge Frau, Maria, das Mädchen, der Madonna am Marterl nicht ungleich. Sieht er nicht, sie langweilt sich allein, aber die Maria sieht umso mehr jeder Mann im Dorf, sind ja nur zwanzig von siebzig. Zwei sehen die Maria sehnsüchtiger an als alle anderen; des Sammelwütigen aus der Stadt einzige Leidenschaft sind die Steine, der eigene Gatterich, Gänserich, der er ist, mit dem Gebinde um den gänsigen Magerhals. Der vertrocknete Ganter klettert mangelhaft angeseilt durch die unzugänglichste Klamm, die jeder Älpler aus Respekt vor der Gefahr meidet. Kann sein, ein ländlicher Liebhaber geht dem Gatten nach, kann auch sein, der andere sucht selbst im Bergbauch nach kostbaren Steinen, kann sein, dass einer abstürzt von allein, der Berg ruft tückisch und ist inwendig keineswegs reglos starr, kann sein, dass einer den anderen anstößt, Rivalen um den raren Epidot, den Edelstein am Hals der Maria.





Voyage d'amour  

Übersetzung der Liebesreise-Erzählung Auberge du Chat qui tourne. Aus dem Buch Im Rüschhaus und anderswo. Paderborn, Münster. Verlag Schöningh / Ardey 1995

L'une est maigrichonne, l'autre rondelette;quiconque ne se laisse pas abuser par la chair toutefois, reconnaît la même charpente osseuse de deux sœurs jumelles. La femme toute d'os et de peau est vêtue d'un tissu à fleurs. Elle, c'est la sévère, celle qui commande. L'autre, qui a plus de muscles, de chair, de graisse, souligne le généreux décolleté de sa robe d'un fichu de couleur vive et, dans la fente parcheminée entre les deux mamelons, laisse pendre un bijou en or. L'une porte des lunettes de myope. L'autre prend son parti d'une vision plus ou moins précise. Pour elle l'important c'est le contact avec les gens. Celui-ci une fois établi, ce qui s'ensuit, au niveau des sens, ne peut que profiter d'une vision légèrement confuse de silhouettes un peu fantomatiques. Aucune n'avait jamais empiété sur les plates bandes de l'autre. Marthe s'occupe de la gestion commerciale de cet hôtel de la vieille ville, héritage de grands parents, voire de cinq générations d'ancêtres. En haut, sur la façade, se balance l'enseigne en fer forgé : un chat botté rôtissant un poulet à la broche: d'ou le nom d' « Auberge du chat tournebroche ». C'était un saltimbanque qui, en l'an 1665, avait exhibé un chat en train de rôtir un poulet embroché. Cela avait à ce point frappé le patron de ce dix-septième siècle qu'il avait donné à son auberge ce curieux nom. Un original doué d'un sens aigu du grotesque. Ce titre fait toute la réclame de l'hôtel. Depuis, on y a toujours tenu des chats noirs. Au temps des sœurs, ce sont deux chattes qui veillent sur la maison. Tout comme les patronnes, elles s'appellent Marthe et Marie. L'une est noire, l'autre d'un roux tigré. Des Persanes aux poils soyeux longs d'un doigt, qui fixent les hôtes de leurs yeux couleur abricot, des yeux grands comme des pêches et qui, ne clignant pas, ont l'air sévère. Marie, à la réception, accueille les clients avec empressement, leur suggère avec tant de persuasion le menu le plus cher qu'il est rare que quelqu'un lui résiste, quitte à se dégriser au moment de l'addition. Quand il s'agit du bien de la maison, Marie est aussi dictatoriale que Marthe. Toutes deux n'attendent que le départ d'un client dès que celui-ci semble à court d'argent : si myopes soient elles, elles semblent dotées d'yeux à ultrasons pour le contenu des bourses et le montant des comptes en banque. C'est du moins ce que suggère l'acuité du regard des deux sœurs pour le comportement des personnes : les yeux de myope de Marie, la grassouillette, lorsqu'ils soupèsent un client, paraissent ä peine plus innocents que ceux de la maigrichonne aux verres de loupes. Un beau soir, Marie prend conscience d'un changement chez Marthe ; elle en cherche la cause. Ce n'est nullement un changement d'humeur qui a modifié le port de tête de sa sœur : ce sont de nouvelles lunettes ! La maigrichonne n'a pas jugé bon d'en informer sa jumelle. Tout ce qui n'a pas trait aux intérêts de la maison est secondaire. Marthe a aussi peu cure de la mode qu'il est possible dans son métier : aussi jusqu'à présent, a-t-elle fait mettre les nouveaux verres devenus nécessaires dans ses discrètes montures cerclées d'or. Aussi la sœur dont les détails extérieurs sont le domaine, n'avait-elle pu remarquer aux montures les nouvelles lunettes.